Als meine Kinder zum ersten Mal Naengmyeon probiert haben, waren sie völlig verwundert.
„Mama, die Suppe ist kalt!“
Und tatsächlich: In der Schüssel schwammen sogar Eiswürfel. Noch größer wurde die Überraschung, als sie die Birnenscheiben entdeckten. Kalte Nudeln, kalte Brühe, Eiswürfel und Obst – für viele Menschen in Deutschland klingt das erst einmal ungewöhnlich.
Dabei gehört Naengmyeon zu den bekanntesten Nudelgerichten Koreas und ist für viele Koreaner ein fester Bestandteil des Sommers. An heißen Tagen bilden sich vor beliebten Naengmyeon-Restaurants oft lange Schlangen. Doch was viele nicht wissen: Ursprünglich war Naengmyeon gar kein Sommergericht.
Was ist Naengmyeon?
Naengmyeon bedeutet wörtlich übersetzt „kalte Nudeln“.
Das Gericht besteht aus dünnen Nudeln, die traditionell aus Buchweizen hergestellt werden. Serviert werden sie entweder in einer eiskalten Brühe oder mit einer würzigen Sauce. Die bekanntesten Varianten sind:
Mul Naengmyeon: Die wohl bekannteste Form. Die Nudeln werden in einer kalten Brühe serviert, die meist auf Rinderbrühe basiert. Typische Zutaten sind Gurken, gekochtes Ei, Birne und manchmal etwas Senf oder Essig zum Nachwürzen.
Bibim Naengmyeon: Hier werden die Nudeln ohne Brühe serviert und stattdessen mit einer würzigen Sauce vermischt. Die Sauce enthält häufig Gochujang und sorgt für eine angenehme Schärfe.
Beide Varianten sind besonders im Sommer beliebt und gelten als erfrischende Mahlzeit an heißen Tagen.
Der Ursprung liegt in Nordkorea
Die Wurzeln von Naengmyeon liegen im Norden der koreanischen Halbinsel, insbesondere in der Region rund um Pjöngjang.
Dort spielte Buchweizen traditionell eine größere Rolle als Reis. Das raue Klima und die geografischen Bedingungen machten den Anbau von Reis schwieriger als im Süden. Deshalb entstanden zahlreiche Gerichte auf Basis von Buchweizen – darunter auch Naengmyeon.
Bis heute gilt die Stadt Pjöngjang als die Heimat des klassischen Pjöngjang Naengmyeon, einer Variante mit besonders klarer, milder Brühe und einem hohen Anteil an Buchweizen in den Nudeln.
Warum Naengmyeon früher ein Wintergericht war
Heute verbinden viele Menschen Naengmyeon automatisch mit dem Sommer. Historisch betrachtet war das jedoch anders.
Vor der Erfindung moderner Kühlschränke war es deutlich einfacher, Lebensmittel und Brühen im Winter kühl zu halten. In einigen Regionen wurde natürliches Eis eingelagert und später verwendet.
Historische Berichte beschreiben Naengmyeon daher häufig als Wintergericht. Die kalte Brühe war damals keine besondere Sommererfrischung, sondern Teil der traditionellen Esskultur der nördlichen Regionen Koreas. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts änderte sich diese Wahrnehmung.
Wie aus einem Wintergericht ein Sommerklassiker wurde
Mit der Verbreitung von Kühlschränken und moderner Küchentechnik konnte kalte Brühe jederzeit hergestellt werden. Gleichzeitig verbreitete sich Naengmyeon nach dem Koreakrieg zunehmend auch in Südkorea. Viele Menschen aus dem Norden brachten ihre Rezepte mit und eröffneten Restaurants, in denen sie die Spezialitäten ihrer Heimat weiterführten.
Bis heute spielen nordkoreanische Einflüsse bei Naengmyeon eine wichtige Rolle. Viele Nordkoreaner, die in den vergangenen Jahrzehnten nach Südkorea geflüchtet sind, haben Restaurants eröffnet und traditionelle Familienrezepte bewahrt. Gerade in Seoul gelten einige dieser Restaurants als besonders authentische Adressen für Pjöngjang Naengmyeon.
Auch ich habe eine besondere Erinnerung an dieses Gericht. Im Jahr 2006 war ich mit einer koreanischen Reisegruppe in Peking unterwegs. Dort besuchten wir ein nordkoreanisches Restaurant. Natürlich stand auch Naengmyeon auf der Speisekarte. Bis heute gehört diese Schüssel Naengmyeon zu den besten, die ich jemals gegessen habe. Die Brühe war unglaublich klar und zugleich aromatisch, die Nudeln hatten genau die richtige Konsistenz und alles wirkte erstaunlich schlicht und dennoch perfekt ausbalanciert.
Vielleicht liegt gerade darin das Besondere an Naengmyeon: Auf den ersten Blick wirkt das Gericht unscheinbar. Doch wer einmal ein wirklich gutes Naengmyeon gegessen hat, versteht schnell, warum sich Menschen an genau diese eine Schüssel oft noch Jahre später erinnern.
Heute gilt Naengmyeon als eines der beliebtesten Sommergerichte Südkoreas. Die eiskalte Brühe, die leichte Säure und die frischen Zutaten machen das Gericht besonders an heißen Tagen attraktiv. Wer im Sommer Seoul besucht, wird schnell feststellen, dass sich vor bekannten Naengmyeon-Restaurants oft lange Warteschlangen bilden.
Warum gehört Birne in die Suppe?
Eine der häufigsten Fragen von Menschen, die Naengmyeon zum ersten Mal sehen, betrifft die Birne. Tatsächlich gehört die koreanische Birne traditionell zu vielen Varianten von Naengmyeon. Sie bringt eine leichte Süße mit, die sehr gut mit der kühlen Brühe harmoniert. Für Koreaner ist diese Kombination völlig selbstverständlich. Für viele Deutsche ist sie dagegen überraschend – ähnlich wie meine Kinder es damals erlebt haben.
Warum viele Koreaner nach Korean Barbecue noch Naengmyeon bestellen
Wer zum ersten Mal in einem koreanischen Barbecue-Restaurant isst, wundert sich oft über den Abschluss des Essens. Während in Deutschland nach einem üppigen Grillabend vielleicht ein Dessert serviert wird, bestellen viele Koreaner stattdessen eine Portion Naengmyeon.
Besonders nach gegrilltem Rindfleisch gilt die Kombination als Klassiker. Die kühle Brühe, die leicht säuerliche Note und die frischen Zutaten bilden einen angenehmen Kontrast zu den kräftigen Röstaromen des Fleisches.
Viele Koreaner beschreiben Naengmyeon nach dem Barbecue als eine Art Ausgleich. Das Gericht sorgt für einen frischen Abschluss und rundet die Mahlzeit ab. Deshalb findet man in Korea häufig Restaurants, die sich auf die Kombination von Korean Barbecue und Naengmyeon spezialisiert haben.
Wer Naengmyeon bisher nur als Sommergericht kannte, wird überrascht sein: In Korea gehört es oft genauso selbstverständlich zu einem Barbecue-Abend wie das Fleisch selbst.
Ein Stück koreanische Esskultur
Naengmyeon zeigt, wie vielfältig die koreanische Küche ist.
Das Gericht verbindet die Geschichte Nordkoreas mit der modernen Esskultur Südkoreas. Es ist gleichzeitig traditionell und zeitlos, ungewöhnlich und doch für Millionen Menschen ein vertrauter Geschmack des Sommers.
Und vielleicht geht es euch beim ersten Probieren ähnlich wie meinen Kindern: Erst sorgt die kalte Suppe mit Eiswürfeln für Verwunderung und kurze Zeit später fragt man sich, warum man dieses Gericht nicht schon viel früher kennengelernt hat.

